Ein Hauch von Kirschsuppe

Majestätisch steht er im Pfarrhaus und kühlt meinen Rücken. Er gehört schon immer zu dem uralten Pfarrhaus von OSIECZNA. Hier sind wir nach über 500km Tour heute am 4.8.18 angekommen.

Gestern noch habe ich in der Schule von ROGALIN geschlafen. Heute lud mich der örtliche katholische Priester ein, bei ihm zu übernachten. Wem hat der Ofen nicht schon alles Wärme gespendet? Dem 1939 von den Deutschen erschossenen Pfarrer z.B.. Ein 90jähriger Pole, Jan Wloch, stürzte förmlich auf mich zu, um mir die Geschichte nach dem Kirchgang zu erzählen. Fast als ob er darauf gewartet hätte, mir das zu erzählen, verknüpft mit der komplizierten Geschichte Polens, wo man immer auf der falschen Seite stehen konnte.

Neben dem Ofen hat ab 1939 der deutsche Polizeikommandant gesessen, der hier sein Quartier aufschlug. Jetzt arbeitet hier bei meinem Gastgeber Priester Tadeusz Wandtka Sylvester Wotsch. Er repariert unser „Friedensholzkreuz“.

Nun sitze ich hier und höre durch das offene Fenster „highway to hell“ aus den Lautsprechern vorm Dorfgemeinschaftshaus, wo die deutschen Treckteilnehmer mit den Polen des Ortes fröhlich feiern. Eben haben der Bürgermeister, der Priester und ich noch Friedensbotschaften ausgetauscht, die Friedensglocke überreicht und das Brot gebrochen. Ziemlich unverhofft sind wir hier mit den Pferden und den Planwagen aufgetaucht. Jung und Alt kommen zusammen um den Treck zu bestaunen und Kontakte zu knüpfen. Das ist wahrhaft gelebtes Europa, eine echt gelebte Friedensmission.

Die Pferde faszinieren die Menschen. Heute sind wir wieder anständig als Treck die Etappe gefahren. Durch die extremen Temperaturen setzten wir 3 Tage aus. Pferd, Wagen und Mensch litten unter der Hitze und verfielen in Lethargie. Daniel unser Allroundhandwerker reparierte unentwegt unser Material. Immer wieder half uns die Feuerwehr mit Wasser zum Abkühlen aus. Auf dem Weg wurden wir durchaus neben vielen Äpfeln auch mit Eis beschenkt.

Ein weiteres Problem war der krankgewordene Hufschmied. „Ohne Eisen kein Reisen“ sagten die Fuhrleute und verwiesen auf die fast nur noch „blechstarken“ Hufeisen der meisten Pferde. Hektisch telefonierte Slawek, unser polnischer Guide, nach einem Hufschmied. Manche kamen und lehnten dann eingeschüchtert von den großen Rheinisch-Deutschen Kaltblutpferden das Beschlagen ab. Aus Danzig reiste dann ein Hufschmied von rechten Schrot und Korn an und beschlug die Pferde. Beobachtet von den Menschen, die teilweise zum ersten Mal so nah an einem Hufschmied dran waren, dass sie den typischen Geruch des verbrannten Horns riechen konnten. So wurde der Hufschmied ein echter Segen. Gleichzeitig regnete es an diesem Tag und wir konnten endlich mal wieder ein wenig Kühlung bekommen.

Bei unserem Warte-Tag in Malwa trafen wir auf die faszinierende Frau Bronislawa Mazurek. Die friedvollste Zeit ihres Lebens verbrachte sie von 1983-2010 in Deutschland. Sie wollte nicht unter der Herrschaft der Kommunisten in Polen leben. Jetzt ist sie Lokalpolitikerin und sagt zu mir: „Frieden muss zuerst zwischen den kleinen Leuten sein. Wir sind doch alle gleich!“ Sie erzählt mir: „was Gott mir geschenkt hat, möchte ich nun zurückgeben an seine Menschen. ER sieht alles und wird das Unrecht korrigieren.“ So setzt sie sich unermüdlich für die Menschen ein und versucht Frieden zu stiften. Das kann manchmal das Übersetzen von deutschen Strafmandaten sein. Da kann sie dann mit ihrem Deutsch weiterhelfen. „Nutze die geschenkten 24 Stunden pro Tag“ gibt sie mir mit auf den Weg. Der führt immer weiter gen Osten mit dem Pferdewagen. In einer Plantage schenken uns die Menschen Sauerkirschen. Aus ihnen kocht Petra einen „Hauch von Kirschsuppe“. Wir verpflegen uns manchmal selber und da wird gekocht, was jeder kann. Für die bunt zusammengewürfelte Truppe ist es dabei eine der härtesten Übungen, gemeinsam mit Gebet zu beginnen. Zu unterschiedlich sind die Ess- und sonstigen Gewohnheiten. Da bleibt Reibung nicht aus. „Und Du willst ein Friedensfahrer sein!“ ist einer der härtesten Vorwürfe, der dann manchmal erklingt. Manchem bleibt der Vorwurf im Munde stecken, wenn er merkt, dass Frieden ja immer bei sich selbst beginnt. So lernen wir als Mannschaft das friedliche Miteinander wieder neu.

Was uns auf dem Weg auffällt, sind wieder hergerichtete evangelische Friedhöfe. Stolz berichten mir Lokalpolitiker, dass sie sich um die Gottesäcker kümmern, die meist aus der deutschen Besiedlungszeit stammen. Diese versöhnliche, friedliche Geste berührt mich. Immer wieder betonen Bürgermeister, dass sie keiner Partei angehören und unbedingt den gemeinsamen europäischen Weg gehen wollen. Das ist doch wunderbar!

Die Begegnungen mit den Menschen hinterlassen bei uns Spuren. Wir lernen viel Neues kennen und verstehen. Aber auch wir hinterlassen Spuren! Besonders wenn wir aus Versehen eine frisch geteerte Straße entlangfahren und man kilometerweit unsere Spuren verfolgen kann. Aus unerfindlichen Gründen immer in Schlängellinie, was nicht am Zustand der Pferde oder Kutscher liegt, sondern an der Bauweise der Wagen.

Draußen erschallt „Atemlos durch die Nacht“. Die will ich nun zufrieden am Ofen verbringen. Vielleicht kann ich noch eine Geschichte erlauschen. Eins ist gewiss: Der nächste Tag wird seine eigene Plage haben! Es ist Gottes Gnade, dass wir sie noch nicht kennen! Ich freue mich auf das Getrappel der Hufe, das Klingen der Glocke und den Geschmack des Friedensbrotes. Auf Pferde! Zieht an!

Text und Fotos Pfarrer Helmut Kautz

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