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„Jetzt kommt ihr in Frieden“

Der Friedenstreck aus Brück hat Litauen hinter sich gelassen – viele Begegnungen mit den Menschen am Wegesrand sind sehr emotional

Von Christina Koormann

Brück. Noch gut und gerne 1000 Kilometer trennen die Titanen aus Brück von ihrem Ziel Weliki Nowgorod. Am vergangenen Dienstag hat die Truppe die lettische Hauptstadt Riga erreicht. Bis zu diesem Halt sind sie insgesamt 1340 Kilometer durch vier Länder gefahren, in denen mit drei unterschiedlichen Währungen bezahlt wird: Euro, Rubel und Zloty.
Unterwegs müssen sich die Reisenden immer wieder neuen Herausforderungen stellen; so mussten am wichtigsten Gefährt, dem Glockenwagen, mittlerweile zwei Wagenräder ausgetauscht werden.

Auch emotional wird es immer wieder auf dem besonderen Weg: Um das Kriegsgrab seines Onkels Fritz Karl Albert Gericke in Lettland zu sehen, hat sich der Brücker Bauingenieur Klaus Gericke dem Titanen-Tross angeschlossen. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hatte ihm ein Foto des Grabes mitgegeben.

Das Dokument mit dem Grabplan zeigte er dem Pferdespezialisten Guntis Rozitis aus Latvija, der dem Friedenstreck entgegengefahren war. „Bewegt erzählte er Klaus, dass sein Vater auf der deutschen Seite mitgekämpft hatte und sein
Onkel mütterlicherseits auf der sowjetischen Seite“, berichtet Pfarrer Kautz. „Das ist Vergangenheit“, sagte Rozitis – und im gleichen Moment ertönte die Friedensglocke. „Das war ein heiliger Moment, ein Versprechen ohne Worte: Wir wollen dem Frieden nachjagen mit jedermann“, sagt Pfarrer Kautz. Bäckermeister Plentz schenkte Guntis Rozitis ein Friedensbrot mit dem Christussymbol.

Erfüllt war auch Dietmar Plentz von einer Begegnung ein paar Tage zuvor in Litauen. Mit der gastgebenden Familie ging es als Dankeschön auf eine kleine Kutschfahrt. Erwachsene und Kinder führten die Fuhrleute zur 90-jährigen Uroma der Familie.

Als die alte Dame die deutschen Männer und Pferde in ihrem Sonntagskleid begrüßte, kamen ihr die Tränen. „Endlich kommt ihr. Wenn das mein Mann noch erlebt hätte“, sagte sie. Im Krieg hatte ein deutscher Panzer ihr Haus dem Erdboden
gleichgemacht. „Und jetzt kommt ihr in Frieden – und bringt meine Enkel mit.“

Auf dieser Begegnung beruhend, erinnerte sich Dietmar Plentz an eine Erzählung seiner Mutter, die als junges Mädchen im Jahre 1945 von sowjetischen Soldaten bedrängt worden war. Der Bäckermeister sah vor sich den Sohn der alten Frau mit dem zerstörten Haus und verstand gut, wie viel Hass er für die Deutschen empfunden haben musste.
Seine Mutter rief damals in ihrer Not ein lautes Gebet, woraufhin sie ein Offizier der Sowjetarmee vor der Vergewaltigung bewahrte. Ihr ganzes Leben sollte sie dieses Erlebnis prägen. Ihr Sohn Dietmar setzte sich mit dem Titanentreck in Bewegung und liefert nun das Friedensbrot, gebacken an dem Ort, wo höchster Unfriede und Friede erlebt wurden. Transportiert wird es samt den kleinen Friedensglocken mit dem Planwagentreck.

Eine 90-jährige Litauerin freut sich über den Besuch der Deutschen. FOTO: KAHL

Eine 90-jährige Litauerin freut sich über den Besuch der Deutschen. FOTO: KAHL

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